DGM1 Niedersachsen, Mai 2026 — was der 1-Meter-Raster enthüllt
Die LGLN hat den DGM1-Datensatz für Niedersachsen aktualisiert. Punktdichte ≥4/m², Höhengenauigkeit ±0,15 m. Was sich aus dem 1-Meter-Raster lesen lässt, übersteigt das, wofür der Datensatz ursprünglich gedacht war.
Anfang 2026 hat die Landesvermessung und Geoinformation Niedersachsen (LGLN) das vollständige DGM1-Update für das gesamte Landesgebiet abgeschlossen. Befliegung von Januar bis März 2026, Laserscan mit einer Punktdichte von im Mittel 4 bis 7 Punkten pro Quadratmeter, abgeleiteter 1-Meter-Raster mit einer dokumentierten Höhengenauigkeit von ±0,15 m im offenen Gelände und ±0,30 m unter Vegetation. Bezugssystem: ETRS89/UTM Zone 32N, Höhensystem DHHN2016 (Deutsches Haupthöhennetz 2016, gültig seit 2017, eingeführt durch die AdV-Beschlüsse zur einheitlichen geodätischen Bezugsbasis). Lizenz: DL-DE→BY-2.0. Frei zugänglich über das Geoportal LGLN, mit massenhaft abrufbaren ZIP-Paketen pro Kachel.
Klingt nach Verwaltungstechnik. Ist es auch. Und dann ist es das genaue Gegenteil davon.
Was der 1-Meter-Raster sichtbar macht
Das DGM1 (Digitales Geländemodell, 1 m Rasterweite) ist kein Höhenbild der Landschaft, wie ein Wanderer sie sieht. Es ist – wenn man so will – ein Röntgenbild. Das Laserscan-Verfahren filtert aus den Reflexionen die Bodenpunkte heraus und verwirft alles, was über dem Boden steht: Bäume, Häuser, Buschwerk. Was übrig bleibt, ist die nackte Topografie, das Mikrorelief, das unter der Vegetation verborgen liegt. Und genau dieses Mikrorelief enthält Information, die mit klassischer Vermessung nur in jahrelanger Geländearbeit zu erfassen wäre.
In der Lüneburger Heide zum Beispiel zeigt der DGM1-Datensatz die alten Karren-Spuren der mittelalterlichen Salzstraßen, die zwischen Lüneburg und der Niederelbe verliefen. Die Hohlwege sind heute, in den meisten Fällen, fast vollständig zugewachsen und im Feldbegang nicht mehr zu finden. Im Hillshade-Rendering des DGM1 hingegen liegen sie als feine, parallel verlaufende Linien klar im Bild, oft 20 bis 40 cm tief gegen die umgebende Heide eingegraben.
Ähnlich verhält es sich mit den sogenannten Wölbäckern – mittelalterlichen Ackerflächen, die durch Jahrhunderte langen Pflugverkehr in ein Hoch-Tief-Profil mit etwa 50 cm Amplitude bei einem Wellenabstand von ca. 8 bis 12 m geformt wurden. In den heute bewaldeten Gebieten zwischen Hannover und der Weser sind diese Strukturen flächendeckend dokumentierbar geworden, mit weitreichenden Konsequenzen für die historische Landschaftsforschung.
Wallanlagen und Befestigungen
Wer in den DGM1-Daten der Region Helmstedt – etwa um die Hünenburg bei Watenstedt, ETRS89/UTM Zone 32N, Rechtswert ca. 627.450, Hochwert ca. 5.795.300 – einen Hillshade-Render mit Lichteinfallswinkel von 315° und Höhenwinkel 35° erstellt, sieht eine Wallanlage, die im Feldbegang als sanfter Geländerücken wahrnehmbar ist, plötzlich als geschlossene, polygonale Befestigungslinie. Die Wälle erreichen Höhen von 1,2 bis 2,8 m über dem umgebenden Geländeniveau, mit einem äußeren Graben, der zwischen 0,4 und 1,0 m tief eingeschnitten ist. Diese Werte sind im DGM1 direkt ablesbar.
Die archäologische Bedeutung dieses Aspekts ist seit der DGM-Generation 2010 bekannt, aber das aktuelle Update bringt eine entscheidende Verbesserung: Die Punktdichte ist hoch genug, um Strukturen unter 0,5 m Höhenkontrast verlässlich aufzulösen. Damit werden auch die jüngeren – das heißt: spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen – Landschaftsspuren sichtbar, die im DGM5 (5 m Rasterweite, Höhengenauigkeit ±0,50 m) noch im Rauschen verschwanden.
Ein Wall, der im Wald als sanfte Geländewelle daherkommt, wird im Hillshade des DGM1 zu einer scharf gezeichneten Linie. Die Erde gibt ihre alten Strukturen erst dann preis, wenn man sie vom Licht her befragt.
Weinbau im Weserbergland
Eine andere, weniger archäologische Anwendung: Das Weserbergland zwischen Bodenwerder und Höxter sieht in den letzten zehn Jahren eine kleine Renaissance des Weinbaus, getragen von einem Klimaschub, der südexponierte Hangkulturen wieder rentabel macht. Wer einen Weinberg neu anlegt, braucht zwei Dinge: Hangneigung und Exposition. Beide lassen sich aus dem DGM1 punktgenau ableiten.
In QGIS lädt man die DGM1-XYZ-Kacheln (typischerweise 2 × 2 km pro Datei), konvertiert sie über gdal_translate oder den GDAL-Importer in ein GeoTIFF, und berechnet anschließend zwei abgeleitete Layer: einen Slope-Layer (Hangneigung in Prozent oder Grad) und einen Aspect-Layer (Exposition in Grad gegen Nord). Die Kombination beider Layer liefert eine Karte, auf der jeder Hektar nach seinem Eignungsgrad für südexponierten Weinbau klassifiziert ist. Praxisgrenze für Riesling: Hangneigung 15 bis 35 %, Exposition zwischen 135° und 225° (Südost bis Südwest). Das DGM1 löst diese Bedingung im Maßstab eines einzelnen Reihensatzes auf, was mit topographischen Karten 1:25.000 schlicht nicht möglich wäre.
QGIS-Workflow: DGM1-XYZ in einen Hillshade
Für alle, die mit den Daten arbeiten wollen, hier ein kondensierter Workflow.
Erstens, Datenbezug: Über das Geoportal LGLN den gewünschten Kartenausschnitt wählen, DGM1-XYZ-Format selektieren, ZIP herunterladen. Die einzelnen ASCII-Files enthalten eine Punktwolke im Format Rechtswert Hochwert Höhe, ein Punkt pro Zeile, kommagetrennt. Pro 2-km-Kachel etwa 4 Millionen Punkte, Dateigröße ca. 80 MB unkomprimiert.
Zweitens, Konvertierung. Über gdal_translate -of GTiff -a_srs EPSG:25832 input.xyz output.tif wird die Punktwolke in ein GeoTIFF konvertiert. EPSG:25832 ist der ETRS89/UTM Zone 32N. Der Schritt dauert auf einem mittleren Laptop etwa 30 Sekunden pro Kachel.
Drittens, in QGIS: Layer einladen, dann über Raster → Analyse → Hillshade mit den Standardparametern (Lichteinfallswinkel 315°, Höhenwinkel 45°, Z-Faktor 1,0) den Hillshade rendern. Für besonders feine Strukturen empfiehlt sich ein Lichteinfallswinkel von 225° (Südwesten), weil norddeutsche Anlagen historisch oft west-östlich orientiert sind und unter Südwest-Licht den höchsten Reliefkontrast zeigen.
Viertens, Isohypsen. Über Raster → Extraktion → Höhenlinien mit einem Abstand von 0,5 m lassen sich Höhenkurven generieren, die für Geländekartierungen druckfähig sind. Bei 0,2 m Abstand wird das Bild unleserlich, bei 1,0 m verliert man wesentliche Information.
Vergleich mit DGM5 und DGM25
Es ist nützlich, sich die Rasterabstände der drei verfügbaren Modelle bewusst zu machen. Das DGM5 hat eine Rasterweite von 5 m und eine Höhengenauigkeit von etwa ±0,50 m, das DGM25 von 25 m mit ±2,0 m Genauigkeit. Wer einen Talverlauf über 20 km kartiert, kommt mit DGM25 zurecht. Wer einen Hohlweg von 0,6 m Tiefe finden will, braucht das DGM1.
Ein konkreter Vergleich: Das spätmittelalterliche Galgenfeld südlich von Hildesheim – Koordinaten ca. UTM 32N 562.000 / 5.776.500 – ist im DGM25 unsichtbar, im DGM5 als verwaschener Höcker erkennbar und im DGM1 als rechteckige Plattform mit 3,2 × 4,1 m Grundfläche und einer Resterhebung von 0,45 m gegen das umliegende Feld klar identifizierbar.
Was Open Data hier konkret bedeutet
Die DL-DE→BY-2.0-Lizenz erlaubt freie Nutzung, freie Weiterverbreitung und freie Modifikation des Datensatzes, solange die LGLN als Quelle angegeben wird (Standardformel: © GeoBasis-DE / LGLN 2026, dl-de/by-2-0). Diese Lizenz ist seit 2017 für alle DGM-Datensätze der niedersächsischen Landesvermessung gültig und im europäischen Vergleich bemerkenswert großzügig. In den Niederlanden (AHN4) und in Dänemark (DHM/DTM 2007 mit Updates) gilt vergleichbare Offenheit, in Frankreich (RGE ALTI) erst seit der IGN-Open-Data-Reform 2021, in Italien (DTM 2 m) regional sehr unterschiedlich, in Polen nur eingeschränkt.
Was die Liberalisierung für die Praxis bedeutet, lässt sich am ehesten daran ablesen, wer den Datensatz heute herunterlädt. Eine Stichprobe der LGLN-Download-Logs im Februar 2026 zeigt etwa 40 % öffentliche Verwaltung, 25 % Ingenieurbüros, 15 % archäologische Institute, 10 % Hochschulen, und – das ist neu – etwa 8 % Privatpersonen mit zivilgesellschaftlichem Interesse. Die letzte Gruppe wächst.
Was als nächstes kommt
Die LGLN plant für 2027 einen ersten DGM05-Datensatz, also mit 0,5 m Rasterweite, basierend auf einem Photogrammetrie-Verfahren mit zusätzlicher Drohnenbefliegung in ausgewählten Testgebieten. Höhengenauigkeit angepeilt: ±0,08 m. Wer mit DGM1 noch nicht alles ausgereizt hat, wird mit DGM05 vor dem Problem stehen, dass die eigenen Rechner-Ressourcen zur Engstelle werden. Ein DGM05-Dataset für ganz Niedersachsen würde, grob geschätzt, eine Punktwolke von 200 Milliarden Einzelpunkten ergeben.
Aber das ist 2027. Im Mai 2026 ist das DGM1 das beste, was es gibt – und es ist offen, frei, und so präzise, dass man die Erde sehen kann, ohne sie zu betreten.