Mercator 1569 — was die Originalkarte zeigt, das jede Reproduktion verliert
Drei Originale existieren noch — in Basel, Paris und Rotterdam. Was die 18 Holzschnitt-Bögen zeigen, das selbst die feinsten Faksimile nicht halten können.
Wer eine der drei erhaltenen Original-Ausgaben von Gerhard Mercators Weltkarte von 1569 mit eigenen Augen sehen will, hat genau drei Adressen: die Universitätsbibliothek Basel, die Bibliothèque nationale de France in Paris und das Maritiem Museum Rotterdam. Drei Exemplare einer Karte, die in ihrer Zeit vermutlich in zwei- bis dreistelliger Auflage gedruckt wurde, von der heute aber kaum mehr blieb als ein Schatten in Bibliotheksvitrinen. Die vollständige Druckfläche misst 124 × 202 cm, verteilt auf 18 Einzelbögen, die zusammengeklebt eine Wandkarte ergeben. Auf der Karte steht in lateinischer Kanzleischrift der Titel, der sie als Sehinstrument auswies: Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium emendate accommodata. Neue und erweiterte Beschreibung der Erde, für den Gebrauch der Seefahrer in verbesserter Anpassung.
Die Karte ist keine Abbildung. Sie ist ein Instrument. Und das ist der Grund, warum jede Reproduktion sie ärmer macht, selbst wenn die Faksimile in technischer Hinsicht meisterhaft ausgeführt sind.
Was die drei Originale unterscheidet
Das Basler Exemplar gilt unter Kartenhistorikern als das vollständigste, weil es nahezu unbeschnitten erhalten ist. Die Druckplatten wurden auf 18 Bögen verteilt, jeder einzelne im Format ca. 33 × 45 cm, und auf vielen der überlieferten Drucke fehlt der untere Rand mit dem Druckervermerk und der Devotionsformel an den Auftraggeber, den Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg. Basel hat ihn noch. Das Pariser Exemplar wurde im 19. Jahrhundert restauriert und teilweise koloriert, was die Lesbarkeit erleichtert, aber die ursprüngliche Erscheinung der Karte – ein reiner Schwarz-Weiß-Holzschnitt mit feinster Linienarbeit – verfälscht. Das Rotterdamer Exemplar stammt aus einer späteren Druckphase, bei der die Holzplatten bereits sichtbar gelitten hatten; Linien sind dort an mehreren Stellen ausgebrochen.
Wer diese drei Ausgaben nebeneinander vor sich hätte, würde drei verschiedene Karten sehen, obwohl sie aus denselben Holzstöcken stammen.
Die mathematische Konstruktion: Loxodromen als Geraden
Mercator löste 1569 ein Problem, an dem die Seefahrt seit Jahrhunderten gescheitert war. Auf einer Kugel ist der Kurs eines Schiffs, das einen konstanten Kompasspeilwinkel hält, keine Gerade, sondern eine Spirallinie – eine Loxodrome – die sich am Pol asymptotisch zusammenzieht. Auf einer normalen Plattkarte ergibt diese Loxodrome eine gekrümmte Linie, die der Navigator vor jedem Kurssatz neu berechnen muss. Mercators Gedanke war von beinahe brutaler Einfachheit: Man dehnt die Breitengrad-Abstände in genau dem Verhältnis, in dem die Längenkreise auf der Kugel konvergieren. Mathematisch ausgedrückt: Der Abstand zwischen zwei Breitenparallelen auf der Karte wächst mit dem Integral von 1/cos(φ).
Praktisch heißt das: Auf der fertigen Karte ist Grönland dreimal so groß wie Australien, obwohl es in Wirklichkeit ein Drittel der Fläche hat. Aber – und das ist der Preis, den Mercator mit voller Absicht zahlte – jeder Kompasskurs lässt sich nun als Gerade ins Kartenbild eintragen. Der Navigator legt das Lineal an, liest den Winkel zum Meridian ab, setzt den Kurs. Eine Generation von Steuermännern lernte zum ersten Mal, dass Mathematik ein Werkzeug an Bord sein konnte.
Auf der Karte selbst sind zur Demonstration 32 Windrosen verteilt, von denen ein dichtes Netz von Loxodromen-Linien ausgeht. Sie überziehen den gesamten Atlantik, den Indischen Ozean, die afrikanische Küste. In jeder Faksimile-Reproduktion gehen diese Linien als erstes verloren. Sie sind im Original etwa 0,1 mm breit gestochen, mit Linienabständen, die im Druckbild als Grauton wahrgenommen werden. Druckt man die Karte heute auf modernem Papier mit Tintenstrahl oder Offset, schmieren die Linien zu einem Grau zusammen oder fallen ganz aus. Selbst die bekannte Faksimile-Edition der Bibliothèque nationale de France von 1932 – die in der Imago-Mundi-Forschung lange als Referenz galt – verliert in den ozeanischen Zonen etwa ein Drittel der Loxodromen-Netzdichte.
Wer Mercators Karte als Bild betrachtet, sieht eine Weltkarte. Wer sie als Navigationsinstrument liest, sieht ein Rechenwerkzeug.
Was die Originale zeigen, das die Faksimile verlieren
Es gibt drei Detailebenen, an denen sich der Unterschied zwischen Original und Reproduktion am deutlichsten festmachen lässt.
Die Cartouchen
Mercator verteilte auf der Karte mehrere große Schmuckkartuschen, in denen er den Auftraggeber ehrt, seine Quellen offenlegt und – bemerkenswert – seine Methodik erklärt. In einer der Cartouchen, oben links auf dem Bogen Nordamerika, beschreibt er die Konstruktion der wachsenden Breitenparallelen mit eigener Hand. Diese Inschrift ist im Original etwa 6 mm hoch und enthält pro Zeile 60 bis 80 Zeichen, mit Ligaturen, abgekürzten lateinischen Endungen, vereinzelten griechischen Begriffen. In den meisten Faksimile fallen die feineren Diakritika weg, und die Abkürzungszeichen werden als Druckfehler interpretiert und ausgebessert – wodurch der Text seinen Originalcharakter verliert.
Die Hand-Kolorierung
Mercator gab seine Karten in der Regel uncoloriert in den Verkauf, aber wohlhabende Käufer ließen sie nachträglich von Werkstattmalern kolorieren – mit Aquarellfarben auf Wasser- und Eigelb-Basis, die sich heute unter UV-Licht zu eindeutigen Pigmentschichten erkennen lassen. Das Basler Exemplar weist Spuren von Bleiweiß, Mennige und einem feinen Indigoblau auf. Reproduktionen drucken entweder das uncolorierte Original (und verlieren die ästhetische Dimension) oder eine moderne, oft synthetische Farbgebung (und verlieren die historische Pigmentinformation).
Das Liniengewicht im Polargebiet
Die nördliche Polregion ist auf Mercators Karte grotesk verzerrt – die Polkappe wird zu einer endlosen Eismasse mit vier symmetrisch um den Pol angeordneten Inseln und einem zentralen Felsen, der nach mittelalterlicher Vorstellung magnetisch sein sollte. Mercator zeichnete diese mythische Polgeographie nicht aus Naivität ein, sondern weil er auf Berichte des Mönchs Nicholas of Lynn (1364) und auf die Schriften des Jacobus Cnoyen zurückgriff – Quellen, die er ausdrücklich nennt. Die Linien dieser Polkonstruktion sind im Original ungewöhnlich kräftig gestochen, fast dreimal so breit wie die ozeanischen Loxodromen. In Reproduktionen verschwindet diese Hierarchie. Alle Linien werden auf eine mittlere Strichstärke nivelliert, und der visuelle Akzent, den Mercator setzte, geht verloren.
Worin Mercator scheiterte
Bei allem Erfolg der Projektion blieb ein Problem ungelöst. Mercator konnte den Längengrad eines Schiffs auf hoher See nicht zuverlässig bestimmen, weil dafür eine genaue Zeitmessung an Bord nötig gewesen wäre. Die Breitengrad-Bestimmung war seit Jahrhunderten durch Sonnenmittagshöhe oder Polarsternhöhe trivial – ein Sextant oder dessen Vorläufer reichte aus. Aber der Längengrad blieb bis 1761, als der englische Uhrmacher John Harrison mit seinem Chronometer H4 die erste seetaugliche Präzisionsuhr lieferte (Genauigkeit auf der Atlantik-Überfahrt: etwa 5 Sekunden täglicher Drift, das entspricht ca. 1,2 Seemeilen Längengrad-Fehler pro Tag), ein praktisch unlösbares Problem. Mercators Karte konnte einen Kompasskurs zur Geraden machen, aber sie konnte nicht sagen, wo man auf dieser Geraden war.
Das hat seine Karte zu einem mathematischen Triumph gemacht, der mehr als zwei Jahrhunderte auf die ergänzende Hardware wartete.
Ein Werkzeug, das überlebt
Was vielleicht am bemerkenswertesten an Mercators Karte ist: Sie wird heute, im Jahr 2026, mehr verwendet als jemals zuvor. Die Slippy-Tiles von OpenStreetMap, das gesamte Google-Maps-Web-Frontend, Apple Maps, Bing Maps – alle nutzen die Mercator-Projektion in ihrer modernen Variante (Spherical Mercator, EPSG:3857). Sie tun das aus genau dem Grund, aus dem die Schifffahrt sie ab 1569 nutzte: weil sie winkeltreu ist und weil ein Klick auf die Karte einen geraden Pfad zwischen zwei Punkten erzeugt, der dem entspricht, was man auf dem Bildschirm sieht.
Der Preis ist derselbe geblieben. Grönland sieht aus wie Afrika, und am Bildschirm wirkt die Antarktis wie eine endlose horizontale Linie. Mercator hat das bewusst akzeptiert. Wir akzeptieren es nebenher.
Drei Bibliotheken hüten die Originale. Drei Karten, die im wörtlichen Sinn die Welt zur Geraden machten. Wer eine davon besucht, sollte sich Zeit nehmen, mit dem Auge sehr nah heranzugehen – auf vielleicht 20 Zentimeter Abstand. Erst dort beginnt die Karte zu sprechen.